Galerie Kunsthöfle e.V. in Bad Cannstatt

Aktuelles

 

Vor allen Vernissagen wird ein Hygienekonzept in Übereinstimmung mit der Haus-Verordnung des Amtsgerichtes Bad
Cannstatt und der jeweils gültigen Corona-Verordnung von Baden-Württemberg erstellt.

Verantwortlich: Schatzmeister Dipl.-Ing. Friedrich Arbeiter. Vor jeder Vernissage oder anderen Veranstaltungen werden die Vereinsmitglieder und andere Teilnehmer schriftlich informiert. Die Einhaltung der vorgeschriebenen Maßnahmen wird jeweils kontrolliert.

 

NEWS 2022

 

Giorgio Biotti

Gerold Reutter

Gedächtnisausstellung

Eröffnung am 13. März 2022

Einführung Prof. Dr. Helge Bathelt, M.A.

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Schon in der Einladung zu dieser Ausstellung wird auf die Bedeutung von Erinnerung verwiesen. In Erinnerung bleiben darf das Erreichte, das Schöne, das Gute, das Menschen geschaffen haben. In der Erinnerung müssen aber auch Kriege, Tod, Leid, Flucht bleiben und all die Traumata, die sich damit verbinden. In Erinnerung bleiben soll auch mehr als das, was in Geschichtsbüchern steht und auch mehr als das, was in Museen bewahrt wird. Die Massengesellschaft leistet sich zu viel Vergessen. Neben dem, das dazu ernannt worden ist, gültig zu sein, gibt es auch die Gültigkeit des Richtigen und dieses Richtige geht über das allgemein Gültige hinaus. Viel mehr Menschen als diejenigen, die bekannt oder gar berühmt geworden sind, hatten und haben etwas zu sagen. Zwei von ihnen erleben wir heute in dieser Gedächtnisausstellung für Giorgio Biotti und Gerold Reutter.

Giorgio Biotti stammt aus der Romagna, grob gesagt aus dem Land um Bologna. Studiert hat er zunächst Pädagogik in Rimini, ging dann an die Universität von Urbino und schloß mit dem Doktorgrad sein Studium ab in den Fächern Sprach- und Literaturwissenschaften, Philosophie und Pädagogik. Malerei, Grafik und Anatomie führten ihn dann an die „Accademia delle Belle Arti“ in Bologna, eine Hochschule, die malerische Auffassungen ihres berühmten Schülers Giorgio Morandi weiter pflegte. Kein Wunder also, dass z.B. Stillleben auch im Werk Biottis einen breiten Raum einnehmen. Allerdings steht bei ihm nicht so sehr der Gegenstand – das „Zeug“, als Ausweis menschlichen Tuns – im Mittelpunkt, sondern die Ästhetik, die er er vor allem aus seiner feinen Lichtregie gewinnt. Im Gegensatz zu Morandi bleibt Biotti auch sehr viel mehr der Farbe verpflichtet. Er übernimmt sie aus der Natur, steigert sie aber noch, füllt sie mit Wärme, so dass der Eindruck entstehen könnte – und das gilt besonders für seine Strandpartien – dass also der Eindruck entstehen könnte, dass der Betrachter dazu eingeladen wird, in einer wunderbaren Welt spazieren zu gehen. Aufgeregte Szenarien haben Biotti nicht interessiert. Seine Arbeiten sind Meditationen über das Alltägliche, manchmal auch über das eigens zum Zwecke der Kontemplation Inszenierte. Da kann auch ein Gehöft dargestellt sein, ein Blumenstück entstehen, aber auch ein memento mori  ausgeführt werden, das vom Ende der Malerei berichtet. Kostbar. Kostbar ist vielleicht der Begriff, der sich Biottis Arbeiten zuordnen lässt. Die Wärme, die seine Werke ausstrahlen, kommt als ein Besonderes hinzu.

Nach Stuttgart hatte er gefunden als Mitarbeiter des Italienischen Kulturinstituts. Die Liebe zu seiner Frau Margarete hatte ein Übriges getan und so blieb er im Westen der Landeshauptstadt ansässig und er blieb auch in manchem für sich, denn die Aufnahmefähigkeit für seine Kunst beschränkt sich auf solche Menschen, für die der Mainstream kein Richtungsgeber ist. Die Frage kann nur sein, ob ein Künstler im gewählten Stil anspruchsvoll arbeitet und wer wollte, wer könnte das bei Giorgio Biotti bestreiten. Die Ruhe, die seine Stimmungsbilder atmen, fällt aus unserer Zeit. Zugleich erinnern sie an eine schöne Welt. Manchmal aber – wenn ich an einige seiner Akte denke – legt er den Körper in ein behütendes Blau, so als gehörte er einer eigenen Welt des Sensiblen an, die mit dem lauten Draußen kaum etwas gemein hat.

 

Gerold Reutter hinterlässt Vieles. Überdauern wird in der Kulturgeschichte sein Programm zum Kirchenbau – Reutter 1 und Reutter 2 – zum Kirchenbau also, den er – zumindest in der Diözese Rottenburg – ab der Nachkriegszeit mit 100 Kirchenräumen dominierte. Parallel dazu – und auch angeregt durch zahlreiche bedeutende Künstler, zu denen er kontinuierlich in Kontakt stand und stets unterstützt von seiner Ehefrau Rose – parallel zum Wirken als Architekt also entwickelte er ein bedeutendes grafisches und malerisches Werk, erlebte eine Vielzahl von Ausstellungen und zahlreiche Kataloge dokumentieren seiner Werkentwicklung. Von frühen sanften Landschaften ausgehend ging Reutter auf die Suche nach seinem persönlichen Stil und fand ihn in einer reduzierten Formen- und Farbensprache, die den Sinn in den Mittelpunkt stellt. Nun kann „Sinn“ unterschiedlich aufgefasst werden. Vom Selbstreferentiellen bis zum Agitierenden, von einer Heile Welt Auffassung bis zum Kritischen, von einer Verfremdung von Kunst bis zum Aufruf ihres Endes gibt es Möglichkeiten genug. Reutter hat sein eigenes Erleben als Soldat zum Anlass genommen, über letzte Dinge nachzudenken. Er fand seinen Ausgangspunkt und seine Stütze im Glauben. Genauso, wie er Kirchenbauer aus Passion war, so war er als Zeichner und Maler Künder seiner Überzeugung und auch bewusst Teil der Kirche als geweihter Diakon.

Das wird heute zu sehr gleichgesetzt, nämlich das Fehlverhalten, ja die Verbrechen einzelner zusammen mit einem völlig verfehlten Permissiven weiter Teile der Institution, gleichgesetzt mit der Substanz dessen, was das Christentum ausmacht.

Eindrucksvoll die Arbeiten Reutters, in denen er das Weiß der Verheißung mit dem Schwarz des Todes zusammen bringt. Das Sieghafte seines Weiß transportiert keine Gewissheit: sondern Hoffnung. Das Schwarz ist nicht das Ende, sondern meint ein Transitorisches. Solche Arbeiten sind geladen mit Substanz und in ihrer Stille, die mit Kraft gepaart ist, sollten sie sich gerade in Kirchenräumen entfalten können.

Seine letzte große Serie kleiner Blätter vereint Anmutungen karger Landschaften mit einem Goldgrund, der aufscheint, wenn man die Blätter bewegt oder den Betrachterstandort ändert. Auch hier mit dem das Dunkel überbietenden Gold ist Verheißung gegeben, bleibt Reutter als Künstler seiner Botschaft treu. Ich kenne nichts, das der Intensität dieser Blätter gleich käme.

 

Giorgio Biotti und Gerold Reutter. Unterschiedlich in ihren Auffassungen von Malerei, aber eng beieinander, wenn es ihnen darum gegangen ist, ein von ihnen Erkanntes mit den Mitteln ihrer Kunst auszudrücken. Wenn eine Ausstellung Sinn macht – und gerade heute –

Ausstellung Giorgio Biotti/ Gerold Reutter:

Laudatio von Prof. Dr Helge Bathelt: „die Neuen“ :

Kunsthöfle Die Neuen Laudatio 1_2022

 

Galerie Kunsthöfle – Mitgliederausstellung 2021/22

Die neue Ausstellung hängt. Es ist die Mitgliederausstellung 2021/22. Auf eine Eröffnung hat man verzichtet. Die Corona-Entwicklung lässt ein Zusammenkommen einfach nicht zu. Nun hat man einen interessanten Plan entwickelt, denn am Sonntag, 23.01. ab 14:30 Uhr gibt es eine Finissage und dann ein Happening! Die Mitgliederbilder werden abgehängt und die Werke von sechs Neumitglieder*Innen gleich aufgehängt und dazu gibt es eine Vernissage. Zwei Fliegen mit einer Klappe: ungewöhnlich, aber ein intelligenter Umgang mit den Gegebenheiten.

Zur aktuellen Mitgliederausstellung, die nach den Vorgaben des Amtsgerichts – Spielstätte des Kunsthöfle ist das Foyer – 2G Plus im Moment noch besucht werden kann und dessen Geschäftszeiten maßgeblich sind.

Die Mitgliederausstellung zeigt nun Arbeiten von sechzehn Kunsthöfler*Innen. Das hat System, den die letzte interne Werkschau war mit zwanzig anderen bestückt und die nächste Ende 2022 wird weitere zweiundzwanzig Mitglieder zeigen. Damit ist man dann durch und hat in drei Katalogen den Gesamtbestand des Kunsthöfle dokumentiert. Ein interessanter Blick in die Kunst im „The Ländle“, denn nicht nur Cannstatter und Stuttgarter sind Mitglied, sondern der Einzugsbereich ist weit größer.

Diesmal sind  wieder bekannte Namen mit dabei. So zum Beispiel Roland Bentz, der mit seinen Schmetterlingen und anderen Insekten brilliert. Diesmal seine Arbeit „Aus dem Ackerfrucht Journal“. Ein herrliches Großformat mit ratlosem Schmetterling vor der Ackerfurche. Regina Brenner ist erst seit 1986  Württembergerin. Die gebürtige Thüringerin arbeitet ganz wunderbare Radierungen. Ihre vielschichtige Arbeit „Brandung – Schottland“ zeugt von einer tiefen Begegnung mit der Nordlandschaft. Angela Eichhorn sorgt dafür, dass die im Foyer schwer zu zeigende plastische Kunst doch einen. Auftritt haben kann. Ihre „Mystik Bones“ sind wandhängend und die organische Anmutung überaus spannend. Die „Gedankenbilder“ von Thomas Fortanier beruhen auf seiner Einsicht ins Denken, aus dem heraus alles geschieht. Im Linien- und Farbfiligran seiner Arbeiten gelingt es ihm: das darzustellen. Helga Hägele hat eine „Blaue Stunde“ fest gehalten. Inmitten einer zarten landschaftlichen Anmutung eine weibliche Rückenfigur, die sich in die nachdenkliche Stimmung einpasst. Originell tritt Antonia Haug mit ihrer Arbeit „Textiles“ auf. Von einer Halterung aus legt sich ein Faden über die Malfläche, die auf Violett, Gelb und Weiß konzentriert bleibt. Das Allgemeine wird zum Besonderen. Sissi Katefidis ist eine Malerin par excellence. In ihrer vielschichtigen Collage „Fundstück“ wechselt sie zwischen pastos gearbeiteten Flächen und welchen, in denen die Farbe zugunsten von Hinweisen verändert und zurückgenommen wird. In solchem Unterschiedlichen lässt sich mit dem Auge spazieren gehen. Pierrot Krzywinski wechselt in seiner Malfläche zwischen eisschollenartigen Aufbrüchen und einem netzartigen Filigran. Beide Bereiche sind  farblich unterschiedlich und konkurrieren spannungsvoll miteinander. Das malerische Schaffen von Elke Lang-Müller ist erst von kurzem in einem umfangreichen Bildband gewürdigt worden. Ihr Ausstellungsbeitrag „Versprechen“ ist in Zonen aufgeteilt, die zwischen einem ruhigen und einem dynamischen Fluß wechseln. Eine abgetönte Zone, eine dynamische mit Farbeinschlüssen und eine ruhig in Blau fließende ergänzen sich und zeigen, was von einem Versprechen übrig bleiben mag. Ingeborg Maches „Rebstöcke“, die sich elegant in eine Perspektive hinein verjüngen scheinen eine nächtliche Momentaufnahme zu sein. Vielleicht gibt es noch späte Beeren? Der Sucher scheint mit einer Lampe unterwegs zu sein. Kaum jemand hat einen so durchdachten und sorgfältigen Umgang mit Farbe und Form wie  Frank Mezger. Er zeigt eine Reihe von Szenen aus seinem Werkbuch „Reise nach Le Havre“ – eine Fahrt ins lichte Blau. Mezgers Reflexionen über maritime Lichtstimmungen erfassen das Besondere der Region und zeigen ein Farbfest zwischen Calvados und Camembert. Maike Mezger trägt mit einem wunderbaren „Lichtspiel“ zur Werkschau bei. Eine Schichtung horizontal angelegter und in sich differenzierter bläulicher Farbflächen gehen sacht in Erdtöne über und  werden durch Farbfelder abgeschlossen. Fließendes und Verharrendes ergänzen sich in einem Lebendigen. Mila Murasová zeigt ein Blütenparadies, das sie mittig in eine landschaftliche Anmutung hinein öffnet: als sei Alice auf dem Weg ins Wunderland. Eine wunderbare Vielfalt bringt die Künstlerin in eine nachgerade ansteckende Harmonie. Gabi Schreiner zeigt in ihrer Arbeit „Sehnsucht“ Sehnsucht und drückt das mit einem Fensterrahmen aus, der auf eine weite Landschaft hin öffnet. Ein zart bewegter Vorhang, eine Taucherbrille und eine Muschel  lassen an Fernweh denken oder vielleicht auch an Erinnerungen, die sich durch solche Sommerattribute ausgedrückt finden. Den Holzschnitt beherrscht Eva Schwanitz ganz und gar selbstverständlich. In ihrem Blatt „Licht am Horizont“ teilt sie die Fläche in etwa mittig, hellt den (Horizont)Streifen auf und gestaltet die Dunkelflächen in changierendem Schwarz. Mit wenigen Mitteln gelingt der Künstlerin eine überzeugende Umsetzung ihres Themas. Margitta Sieber hat in ihrer Acryl auf Leinwand – Arbeit eine Kirschblüte vor einen dunklen Grund gestellt und Spuren von Blütenstaub von der Blüte ausgehen lassen. Die 100 x 100 cm Arbeit besticht durch eine Größe, die eine subtile Schönheit der Vorlage zu unübersehbarer Kunst macht.

Die Einladungskataloge sind verschickt. Die Galerie „Kunsthöfle“ zeigt sich der kulturfeindlichen Situation gewachsen. Ihre Suche nach weiteren Kommunikationsmöglichkeiten ist erfolgreich und die Zukunftsplanung vielversprechend.

Finissage Mitgliederausstellung 2021/22:

Eine Finissage also. Vergleichen wir die Pandemie zur Zeit der vorgesehenen Vernissage, so ist die Inzidenz heute nicht besser. Was also tun? Eigentlich ganz einfach. Weiter machen. Der Verweis auf andere Kulturschaffende ist vielleicht nicht sinnvoll, aber er ist zutreffend. Fast alles hängt von unserer Disziplin ab. So weit ich zurück denken kann ist die Forderung nach Disziplin nie so unausweichlich und so langdauernd gewesen. Das tut niemandem gut und ein „wir werden lernen müssen, damit zu leben“ ist eine Sackgasse. Damit will ich es genug sein lassen, was mir schwer fällt, denn ich habe zu all dem, was in diesem Umfeld statt findet, nicht etwa eine Meinung. Nein, ich habe ein Urteil. Dieses Urteil gründet sich auf etwas, was ich über fast ein Jahrzehnt betrieben habe, nämlich wissenschaftsmethodologisch denken zu lernen, was heißt: Theorien auf ihre Validität prüfen zu können. Deshalb kann ich das, was Querdenker absondern, Verschwörungstheoretiker verbreiten und Impfgegner aussagen bewerten. Dieser Mühe, eine Voraussetzung für Bewertungen zu erwerben, sollten sich zumindest all diejenigen aneignen, die Entscheidungen zu fällen haben. Sachfragen z.B. in Ethikfragen umzuwidmen ist reiner Eskapismus.

Wie können wir Unordnung im Geistigen begegnen. Nun, ich meine, dass wir einem sichtbaren Argumentationseskapismus einen anderen Eskapismus entgegen stellen können, einem Eskapismus einer anderen Welt und in dieser anderen Welt befinden wir uns hier. Kein Werk in dieser Ausstellung, dem nicht eine Kraft eignete, die etwas Substanzielles meint. Das kann dann im einem Naturverweis bestehen, wie er typisch für das Werk von Roland Bentz ist, wenn er nämlich einen seiner Schmetterlinge über einem Acker aufsteigen lässt und dabei bearbeitete Natur vor eine üppig wuchernde stellt, so: wie man sie sich wünschte – wenigstens am Rande riesiger Anbauflächen, die Lebensraum reduzieren, weil sie der Wirtschaftlichkeit untertan sind. Und überhaupt: Natur. Konzentriertes Schwarz-Weiß zeigt eine schottische Brandung und im Ausschnitt den Schein einer Bebauung. Nicht nur diese Radierung von Regina Brenner ist neben dem Beschreibenden auch ein Nachdenkliches.

Auch Angela Eichhorn – wie Brenner noch nicht so lange Mitglied im Kunsthöfle – Angela Eichhorn also arbeitet in Ton und hat ein Relikt geformt, dass sich als Skelettteil darstellt. Das plastische Objekt erinnert an Leben und Tod und die Form ist als Rätsel entwickelt, denn von welchem Lebewesen stammt und wie alt ist sie? Das Nachdenkliche reicht weit über die Form hinaus.

Thomas Fortanier zeigt uns in seiner in Drittel geteilten Arbeit ein grünes Tal, das von rotem Gestein un. Hellem Grund eingerahmt wird. Über allem liegen feine Geflechte, die der Künstler als Gedankenströme und Gedankenverbindungen ausgibt. So finden sich Natur und Kultur übereinander gelegt und vermitteln eine komplexe Weltsicht.

Auf den bekannten Topos der „Blauen Stunde“ bezieht sich Helga Hägele mit einer ruhig kauernden Frauengestalt und vor allem mit einer Farbgebung, die eine seelische Stimmung transportiert, ein in sich versenken. Ein segmentierter Abschnitt und ein in einem rötlichen Braun gehaltener rechter Bildrand geben eine Schutzzone an.

Antonia Haugs Arbeit „Textiles“ folgt einem vertrauten Trend zum Einfachen, den wir spätestens seit dem Dadismus und der PopArt kennen. Schon Warhol wusste, dass Vergrößerung Gegenstände aus ihrer Anonymität heraus holt und sie sehenswert macht. Vergrößerung verhindert Anonymität. Das Massenprodukt wird zum ästhetischen und gewinnt seine Würde zurück. Für solche Gedanken eine angemessene Form zu finden: bedeutet Kunst zu schaffen.

Sissi Katefidis ist Malerin, ist Malerin. Diese Wortverdoppelung zeigt Intensität an. Die Künstlerin hat ihre Ausdrucksform gefunden. Pastos legt sie Schichten übereinander, lässt ein Ursprüngliche erahnen, arbeitet Partikel von anderer Zeitlichkeit mit ein und bildet durch Markierung von aufeinander Folgendem eine sensible Zeitlichkeit ab und hebt zugleich Zeit auf. Das braucht Betrachtenszeit um dieser Vielschichtigkeit zu folgen.

Pierrot Krzywinski beschäftigt sich mit Atlantis, also mit jener Metapher Platons, die seine „Politeia“ quasi illustriert hat. In der Erzählung geht es um die praktischen Bewährung des idealen Staates. Nun, Atlantis geht als Strafe der Götter in einer Naturkatastrophe unter. Übermäßiger Reichtum und tyrannisches Verhalten führen dazu. Von der Pracht der Insel sind bei Krzywinski nur noch etwas Goldglanz und Edelmaterialreste geblieben. In mächtigen Strom versinkt das auf ewig im Meer. Natürlich ist hier die Erinnerung an eine fiktionale Historie kein Selbstzweck, sondern eine Aufforderung, das in die Gegenwart hinein weiter zu denken. Auch mit seiner collagierenden Mischtechnik wird der Künstler dem Thema gerecht.

Das Feinsinnige ihrer Malerei ist das Erkennungszeichen in der Kunst Elke Lang-Müllers. Sie teilt in der Arbeit „Versprechen“ die Malfläche in Abteilungen. Sie reichen von einem changierenden Grau mit blassen Einschlüssen, über eine formenreiche ausstrahlende Farbigkeit bis hin zu einem lichten Blau mit fließenden abgetönten Einsprengseln. Vom Gedanklichen, über das Opulente reicht das bis zu einer auslaufenden Intensität: so, wie das mit Versprechen eben ist.

Ihrer schier ausufernden Vielseitigkeit setzt Ingeborg Mache mitunter Zurückhaltendes entgegen. In ihrer Arbeit „Rebstöcke“ zeigt sie uns eine Szenerie in schönem Tiefenraum. Wer da wohl unterwegs ist um vielleicht zu schauen wie die kühle Nachtluft auf die Entwicklung zur Trockenbeere wirkt?

Das feinsinnige Konstrukt ist immer eine Spezialität von Frank Mezger gewesen und so auch in seinem Blatt in Ölkreide auf dem sich ein Radfahrerpaar in dynamischer Schräglage darstellt: eine durchaus amöne Landschaft passierend. Die Kunst der Charakterisierung durch Reduktion auf das situativ Entscheidende, die Abstimmung von Form und Farbe, die Realisierung des Besonderen: Das ist es, was hier geschieht.

Maike Mezger legt Farbbahnen übereinander, die in sich unterschiedlich strukturiert sind. Nach oben schließt sie mit Farbfeldern ab, die dazu dienen, eine landschaftliche Anmutung zu verweigern und die Wertigkeit der Farbgestaltungen zu betonen. Ein wunderbares Beispiel für eine Farbästhetik.

Die Wunderwelt von Mila Murasová scheint „Alice im Wunderland“ entlehnt zu sein. Ausgehend von einer außerordentlichen Detailfreude und feinen Farbfindung von dunkel umrahmend zu hell dominierend wird eine Ahnung von Untergrund in ein Himmelblau überführt. Auch maltechnisch eine höchst bemerkenswerte Arbeit!

Wer kennt die Sehnsucht nicht? Die Sehnsucht nach einem vermissten oder gar verlorenen Menschen. Gerade im Winter auch die Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühen.“ Gabi Schreiner steht mit uns in einem nicht charakterisiertem Raum am Fenster, wir finden sommerliche Relikte von Muschel und Taucherbrille vor und mit einem weißen und zarten Stor spielt ein leichter Wind. Der Blick geht hinaus auf eine  Küstenlandschaft. Geht ein sonniger Tag zu Ende und möchte der Schauende ihn fest halten?

Die Qualität der Holzschnitte von Eva Schwanitz ist im Kunsthöfle bekannt. „Wenig ist mehr“ könnte das Motto einer Arbeit wie „Licht am Horizont“ sein. Dunkel trifft hell. Ein Lichtstreifen kündigt an oder verabschiedet. Punktum, denn alles Notwendige ist in dieses Blatt eingeflossen.

Margitta Sieber  zeigt ein Blumenstück. Sie setzt eine einzige Kirschblüte auf dunklen Grund, der aber keineswegs monochrom auftritt, sondern partikulärer zerfasernde Farbflecken zeigt, die wirken, als gälte es ein Gleichgewicht herzustellen. Der schwarze Malgrund dient der Blüte als Bühne und gibt ihr auch durch das Bildformat Individualität und damit Bedeutung.

Fraglos hat diese Ausstellung ausgewiesen, wie profiliert sich das Schaffen aller Mitwirkenden darstellt. Natürlich steht jede Künstler*In auf dem, was vor ihr erfunden wurde. Eine entsprechende Auflistung haben wir uns heute erspart, denn neben dem Vorbild ist das Eigene im Bild das Entscheidende und Eigenes finden wir hier in einer emotionalen und geistigen Bandbreite, die sich sehen lassen kann. Traurig nur, dass das „gesehen werden“ gerade so behindert ist. Die Veröffentlichung aber und der Gang nach außen bleibt immer richtig und deshalb machen wir weiter und zwar nach dem Umbau gleich mit der nächsten Werkschau unserer „Neuen“.

H.B.